Der Prolog
Das Rotlicht fraß die Farben. Es gab kein Blau mehr im Keller, kein Grün, keinen Ton von Haut; alles, was hier unten geschah, geschah in Schwarz und in einem stumpfen, blutigen Braun.
Er hielt die Glasplatte an den Kanten, zwei Finger links, zwei Finger rechts, und senkte sie in die Schale. Die Flüssigkeit schlug über dem Rand zusammen. Dann begann er zu zählen.
Bei sieben zeigte sich der erste Schatten. Bei zwölf eine Schläfe, ein Jochbein, die dunkle Höhle eines Nasenlochs. Bei zwanzig war da ein Gesicht.
Er beugte sich vor.
Es war gut. Es war beinahe gut. Die Stirn saß, der Winkel des Kinns saß, das Licht lief genau so über den Wangenknochen, wie er es berechnet hatte. Nur die Augen stimmten nicht. Sie standen offen, sie sahen in die Linse, und trotzdem war nichts darin. Kein Erkennen. Keine Tiefe. Vier Stunden brauchte die Haut, um zu werden, was er wollte. Vier Stunden hielten die Augen nicht durch. Er hatte es noch nie geschafft, beides zu bekommen, und was blieb, war das, was jeder Amateur mit einem Telefon zustande brachte: ein Toter, der aussah wie ein Toter.
Er richtete sich auf und wartete, bis das Zittern in seinen Händen nachließ.
Über ihm, jenseits des Gewölbes, fuhr eine Straßenbahn über eine alte Weiche. Der Schlag lief durch den Stein, durch die Tischbeine, durch die Schale, und für einen Moment kräuselte sich die Oberfläche der Flüssigkeit, sodass das Gesicht unter ihr sich zu bewegen schien. Er sah ihm dabei zu, ohne zu blinzeln. Dann war es wieder still.
Er zog die Platte heraus, hielt sie ins Licht und betrachtete sie noch einmal von der Seite. Ein Fehler, sagte er sich. Die Zeit. Immer die Zeit.
Mit dem Daumennagel kratzte er eine feine Linie durch die Emulsion, quer über die Stirn, so wie man einen Namen aus einer Liste streicht. Dann legte er die Platte auf den Stapel zu seiner Rechten. Es war nicht der erste Stapel.
Auf der Werkbank lag ein Bogen Papier, darauf eine Aufzählung in kleiner, gerader Füllerschrift. Vier Zeilen. Er zog einen dünnen, sauberen Strich durch die erste, ohne hinzusehen, und wischte sich die Finger an der Schürze ab.
Draußen begann es zu regnen, November, immer November in dieser Stadt.
Er drehte den Wasserhahn auf, spülte die Schale aus und stellte sie kopfüber auf das Abtropfbrett, wie er es seit zwanzig Jahren tat. Ordnung war die halbe Arbeit. Dann löschte er das Rotlicht.
Im Dunkeln stand er noch einen Moment und dachte an das nächste Gesicht. Er wusste bereits, wie es aussehen würde. Er wusste sogar, wie es riechen würde.
Er wusste nur noch nicht, wann.
So beginnt es. Kapitel 1 führt in eine Fabrikhalle in Plagwitz, an einem Novembermorgen um zwanzig nach sechs.